8. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief  II – 2014

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind und Ihr liebe Geschwister, mit Eurem Bruder oder Eurer Schwester hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie und Euch in der belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.
jzb_2_2014Den ersten Jahreszeitenbrief an unsere Verwaisten Eltern, schrieb ich Anfang 2012. Möglicherweise noch eine Zeit, in der Ihr verstorbenes Kind gesund und unbeschwert gewesen ist – oder, für andere der betroffenen Eltern, lag Anfang 2012 schon ein Teil des Trauerweges hinter Ihnen und Ihren Angehörigen. Für mich – die hier im Haus die Verwaisten Familien auf Wunsch begleitet, ist ein Jahreszeitenbrief immer wieder die Gelegenheit, die hinter uns liegende Zeit zu bündeln, zusammenzufassen und Ihnen aus dem Elternhaus ein Grußwort zu schicken.

In diesem Sommerbrief soll es um die „Verbindung“ gehen – die Verbindung zu Ihrer Zeit hier im Klinikum und im Elternhaus – die Verbindung zu Ihrem verstorbenen Kind – die Verbindungen, die verloren gegangen sind, die Verbindungen, die neu entstehen und die Verbindung zu sich selbst.

Ich möchte Ihnen von einer unverhofften, nicht geplanten Verbindung erzählen: Vor ein paar Jahren erhielt ich von einer betroffenen Mutter, deren 17 jährige Tochter zu Hause verstarb, eine schön beklebte Kiste mit selbstgenähten, kleinen Stoffherzen – jedes ein Unikat. Diese kleinen Herzen sind Trostherzen, die sich jeder in die Hosentasche stecken kann, die man unbemerkt drücken kann, wenn einem vor Trauer alles wehtut.

Als ich kürzlich in einer Einzelbegleitung mit einer Mutter sprach, deren Sohn im November letzten Jahres auf Station verstarb und sie mir von ihrer Arbeit in der Ambulanten Altenpflege erzählte, fiel mir (wie so oft) unsere Herzkiste ein. Die Mutter erzählte mir wiederum von einer 85 jährigen Frau, die sie pflegte und deren Sohn mit 58 Jahren kürzlich verstarb. Die alte Frau war ebenso in Trauer wie ihre Pflegerin. Am Ende des Gesprächs bat ich die Mutter, sie möge doch für sich selbst und für die 85-jährige ein Herz aussuchen und erzählte kurz, wie ich zu diesen Herzen gekommen bin. Vor meinem inneren Auge ließ ich die Verbindungen entstehen von dieser Mutter zu jener Mutter, die aktuell in meiner Begleitung ist zu der Mutter, deren Sohn mit 58 Jahren verstarb.

Das Herz, das sich verbindet, sich weiter gibt – sich verschenkt.

In einem Lied, das den Regenbogen besingt, geht es ebenso um die Verbindung und Verbundenheit:

wir sitzen hier zusammen (im Sand), am Horizont spannt sich der Regenbogen. Verbunden sind wir in den Ewigkeiten, in Hoffnung auf Frieden. Nichts geht verloren in dieser Welt, keine Asche und kein Wassertropfen, kein Sternenstaub und auch kein Blatt, kein Sandkorn, keine Liebe

und der Refrain: wir werden unsere Wege gehen, werden uns bald wiedersehen, im Regenbogenlicht. Wir werden uns bald wiedersehn, wenn in Tränen sich das Licht in Regenbogenfarben bricht.

Aus dem Elternhaus in Freiburg sende ich Ihnen meine besten Wünsche für Geduld und Kraft

Annette Hoeger

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