7. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief  I – 2014

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind und Ihr liebe Geschwister, mit Eurem Bruder oder Eurer Schwester hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie und Euch in der belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

Jahreszeitenbrief1-14Dem ersten Jahreszeitenbrief in diesem Jahr möchte ich ein Gedicht von Rose Ausländer (1901 – 1988) voranstellen, in dem sie ein Frühjahr aus ihrem eigenen Trauererleben beschreibt. Sie tut es in einer Weise, als wolle sie sich und anderen Trauernden die Erlaubnis zu sprechen, sich zu öffnen und weit zu machen. Eltern, die gerade erst jetzt ihr Kind beerdigen mussten, ist diese Bewegung des Öffnens und sich Weit-Machens völlig fremd und absurd, – doch Rose Ausländer weiß – aus der eigenen schmerzenden Erfahrung – wovon sie schreibt und wir können vermuten, dass sie selbst „ausprobiert“, was möglich ist, um aus der Begrenzung, dem Rückzug, des sich fremd fühlens, des sich ver-rückt fühlens, des sich verzweifelt, einsam und traurig fühlens – herauszutreten.

Die Lyrikerin weiß tief in ihrem Innern: Die Grenze zwischen der Welt und ihr ist zu überschreiten und auch die Grenzen zwischen Leben und Tod. Alle Eltern berichten mir, wie nah und gegenwärtig ihre verstorbenen Kinder sind. Ein Vater spürt seinen Sohn, wenn er im Stadion die heimische Mannschaft anfeuert, ein anderer, wenn er mit seinem Boot im Altrhein rudert. Und auch die Geschwisterkinder haben ihre eigenen kleinen „Gegenwärtigkeiten“ mit dem verstorbenen Bruder oder der Schwester (auch wenn die Eltern davon gar nichts merken). Wie oft höre ich: „also mein Sohn trauert gar nicht“ oder „meinen Töchtern ist nichts anzumerken“. Seien Sie gewiss, dass Ihre Kinder trauern – nur können Eltern und Kinder meist nicht darüber sprechen. Manchmal höre ich auch: „also bei uns gibt es einen unsichtbaren Elefanten im Raum, um den alle herumgehen und so tun, als sei er nicht da“ (gemeint ist die Trauer). Hier nun das Gedicht von Rose Ausländer

Dehnen

Die Bäume
Schlagen schon aus

Mit Mutterarmen
Umhüllt dich die Luft

Deine Trauer
Will schlafen

Du darfst Gespräche führen
Mit Nachbarn
Blumen und dem Silberregen

Du kannst
Die Grenze zwischen
Der Welt und dir
Überschreiten
Und dich dehnen
Dehnen ins Grenzenlose

Rose Ausländer

Ihnen allen – mit Ihren Familien und Angehörigen – senden wir unsere besten Wünsche für Geduld und Kraft mit einem

Gruß aus dem Elternhaus in Freiburg
Annette Hoeger

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