6. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief  III – 2013

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in Ihrer belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

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Als ich am Morgen  mein email-Fach öffnete, erinnerte mich ein Kollege daran, dass ab heute „in acht Wochen Weihnachten ist“ und wenn ich aus dem Fenster schaue, ist es kaum zu glauben, dass der Oktober in wenigen Tagen vom  November abgelöst werden soll, denn draußen hat es ungewöhnliche 25°, die Menschen sitzen auf Parkbänken und genießen die letzte wärmende Herbstsonne. Da passt etwas nicht mehr zusammen: die typischen Jahreszeiten sind auf Grund komplexer Einflüsse „aus den Angeln“ gehoben.

In Zeiten der Trauer – nach dem Tod Ihres Kindes –  ist die Gefahr, auch innerlich und familiär aus den „Angeln gehoben zu sein“ noch einmal gesteigert: Der Trauernde ist derart von Schmerz und Verlust erfasst, dass die allgemeine Welt, in der wir uns alltäglich bewegen, zusammengebrochen ist. In dieser Trümmerlandschaft der Trauer kann auch unsere Kommunikation die seltsamsten Formen annehmen.  Sie kann stark schwanken, so wie ja auch der Trauernde schwankt. Die Kommunikation ist oft heftig sowohl im Ausbruch als auch im Rückzug. Manchmal erstirbt sie sogar ganz. Der Schrei verstummt. Das Weinen versiegt. Die Klage bricht ab. Der Trauernde fällt in einen Winter der Kommunikation. Er lebt mechanisch, wie tot und die Seele schützt sich wie unter einer dicken Schneedecke.

Einigen Müttern und Vätern hilft es, die Elterngruppen aufzusuchen oder im email-Kontakt zu bleiben. Andere schätzen die Angebote wie das „Begleitete Malen“ und das „Tanz-und Bewegungsangebot“.

Sie erleben sich durch gemeinsame Worte, durch das gemeinsame schöpferische Tun in einer Reihe mit anderen gestellt, die dieses oder Ähnliches auch erlebt haben. Im Sprechen werden Gefühle geordnet, was hilfreich sein kann im Erleben des Durcheinanders von Trauerchaos, in der Bewegung (Tanz- und Bewegungsangebot für verwaiste Mütter in Freiburg) können Mütter wieder üben zu  spüren, was erstarrt und eingefroren ist und im Malen (Begleitetes Malen und Gestalten) können Farbe und Ton zum Ausdruck verhelfen, was sich sprachlich nicht fassen lässt.

Die eigenen Worte, den eigenen Ausdruck, den eigenen Weg heraus aus dem Winter der Kommunikation zu suchen und zu finden ist eine der wesentlichen Herausforderungen in Zeiten der Trauer:

„Als ich dachte, ich würde den Schmerz nicht aushalten, sagte ich zu Gott: wenn es dich gibt, dann musst du dich zeigen, jetzt. Keine Diskussion. Sei da und tu, was du kannst. Die einzige Möglichkeit, an dich zu glauben ist, dass du diesen Schmerz genauso wenig willst wie ich. Dann sind wir auf der gleichen Seite. Ich glaube, dass Gott mit mir weinte und mit mir schrie. Aber er hielt auch mein Herz. Ich weiß nicht, wie er es machte, aber ich kam durch den Schmerz durch. Nicht unversehrt, aber lebendig. Ich weiß nicht, wie das möglich war. Vielleicht, weil wir zu zweit waren“.

Diese Worte einer jungen Frau haben mich  beeindruckt und ich möchte Sie Ihnen weitergeben, verbunden mit dem Wunsch, dass Sie sich  in der Weihnachtszeit auch wieder  mit dem Licht verbinden können, das in unseren Regionen in der dunkelsten Stunde der Nacht für uns alle leuchtet und sich schenkt.

Aus dem Elternhaus in Freiburg, sende ich Ihnen und Ihren Familien meine besten Wünsche für Geduld und Kraft

Annette Hoeger

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