5. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief  II – 2013

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister

Viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie und Ihr Kind hier in der Kinderklinik und im Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in dieser belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Freiburg, Bühl oder Schopfheim teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu hören mittels der Jahreszeitenbriefe.

storch

Während ich diese Zeilen schreibe, scheint draußen die Sonne, stehen in den Vorgärten Sommerblumen in vielerlei Farben und die Luft ist erfüllt vom Summen und Brummen der Insekten.
Es fällt schwer in Zeiten der Trauer all dies in den Blick zu bekommen und wenn, ist es oft schmerzhaft und störend.
Es kann nicht angehen, dass alles einfach so weitergeht wie immer, dass es Frühling, Sommer wird, Menschen in den Urlaub fahren, Kinder sich auf die Ferien freuen, wo doch für einen selbst alles, ja wirklich alles ganz und gar anders geworden ist.

Hilde Domin beschreibt es in einem Gedicht mit folgenden Worten:

 Wen es trifft, der wird aufgehoben,
wie von einem riesigen Kran und abgesetzt,
wo nichts mehr gilt,
wo keine Straße von Gestern nach Morgen führt….

Fortan bestehen zwei Welten in denn man sich bewegt und das Pendeln zwischen beiden kostet Kraft und Anstrengung. Vielleicht kann man sagen, dass diese Welten im Innen und Aussen bestehen. In der Trauer wendet sich die Aufmerksamkeit nach innen, wird der Schmerz des Abschiedes  auf je ganz indivuelle Weise  durchlitten, ohne Abkürzungen und Ausweichen – in der anderen Welt wird man, wie es eine Mutter  sagte:“ … mit Essen und Trinken gefüllt, werde ich gesprochen, werde ich gelaufen, werde ich weitergelebt, unfähig mich selbst zu bestimmen….

Es braucht Zeit, viel Zeit, bis sich diese beiden Welten annnähern, bis das Wechseln von einer in die andere leichter wird, bis man selber wieder über sich und sein Tun bestimmen kann. Irgendwann in diesem Prozess wird man schließlich spüren und erkennen, dass man den Schmerz und die Trauer sogar bisweilen braucht, nicht nur weil in beiden die Größe des Verlustes zu erfahren ist, sondern weil in ihnen  immer wieder auch die Nähe und Verbundenheit  hergestellt werden kann.

Wie oft im Leben gilt es auch in der Zeit der Trauer um ihr Kind das UND  zu entdecken und es zu leben. Das bedeutet, beides zulassen zu können, den Schmerz UND die Lebendigkeit.

„Nach schwerer Zeit will das UND uns wieder ins Leben führen, langsam und behutsam, aber doch beharrlich,“ schreibt der Psychotherapeut und Vater seines tödlich verunglückten Sohnes, Roland Kachler in dem Buch „Sucht mich in eurem Herzen“
Im UND verbinden sich beide Welten miteinander und was anfangs sich als ein mühevolles und beschwerliches Hin- und Herpendeln gestaltete, kann in ihm letztlich zu einem Zugewinn einer neuen Sichtweise werden:

Und Wiesen gibt es noch
und Bäume
und Sonnenuntergänge
und Meer
und Sterne
und das Wort
das Lied
und Menschen und…

schreibt die Dichterin Rose Ausländer.

Wir wünschen Ihnen, dass sich ihr Blick langsam weiten darf für beide Seiten, für die Trauer um ihr geliebtes Kind UND  für all das, was in diesen Tagen an neuer Lebenskraft sich zeigt.

Hildegard Bargenda, Annette Hoeger

 

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