4. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief II – 2013

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind und Ihr liebe Geschwister, mit Eurem Bruder oder Eurer Schwester hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie und Euch in der belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

schneegloeckchen

Der erste Brief in diesem Jahr 2013 umschließt den Jahresbeginn und den Vorfrühling – unaufhaltsam werden nun die Zeiten des Lichts länger, jeden Tag um ca. 3-4 Minuten. Schon im Monat Januar können wir die Veränderung wahrnehmen. Die Sonnenauf- und -untergänge sind jetzt, vor allem wenn es kalt und der Himmel wolkenlos ist, von besonderer Schönheit. Aber wie steht es mit den eigenen „Gezeiten“? Trauergezeiten sind im Gegensatz zu den Gezeiten des Meeres oder des Jahres, die einen wiederkehrenden festgelegten Rhythmus haben, nicht vorherzusehen.  Dies macht manchmal eine Begleitung erforderlich, um die Trauernden zu unterstützen, diese Zeiten aufzufangen, zu verwandeln und zu ertragen. Wenn Trauer das Lebensgefühl besetzt hält und jede Lebendigkeit nimmt, wird manchmal auch das Frühjahr als „zu laut“, zu „bunt“ empfunden. „Wie kann die Welt sich weiter drehen, nachdem wir dich beerdigen mussten? Haben wir nicht zusammen bis zuletzt gekämpft? Hast du uns nicht immer wieder in unserer Hoffnung aufgerichtet? Wir wollten Trost spenden und DU hast ihn uns gegeben.“ Roland Kachler schreibt in seinem bekannten Buch (Meine Trauer wir dich finden), dass er sich immer wieder dabei ertappt, wie wütend er auf seinen verstorbenen Sohn ist – darüber, dass sein Tod so viel Leid über die Familie gebracht hat…..: “dann sehe ich, wie mein Sohn – wie früher auch – bedauernd seine Schultern hochzieht, wie er meine Frau tröstet. Mein Zorn hält dann meist nicht lange an und ich verzeihe ihm.“ Durch ein intensives Wechselbad der Gefühle versucht die Trauer sich einen Ausdruck zu verschaffen. Trauerreaktionen können sehr oft widersprüchlich erscheinen und uns selbst wie auch die nächsten Angehörigen verunsichern.  Einigen der betroffenen Eltern ist es eine Unterstützung auf dem Weg der Trauer, sich zwei Mal im Jahr zum künstlerischen Gestalten bei einer Kunsttherapeutin einzufinden. Die Termine hierzu finden Sie auf der homepage www.eltern-freiburg.de. Andere wiederum kommen ins Cafe Weiterleben, wo auch die verwaisten Geschwisterkinder ein besonderes Angebot durch die Kolleginnen in der Geschwisterspielstube bekommen. Manche Eltern kommen regelmäßig in die o.g. Gruppen.  Scheuen Sie sich nicht, Kontakt aufzunehmen, hin und wieder öffnet sich schon ein anderer Blickwinkel, wenn wir am Telefon ein bisschen miteinander sprechen.  Mit den Frühlingsgedanken von Sascha Wagner verabschiede ich mich und wünsche Ihnen und Ihren Familien alle Kraft, Geduld und Zeit.

Frühlingsgedanken


Wär es wohl leichter
wenn der Frühling
nicht so prahlte?

Wär es wohl leichter
ohne Drosselruf?
Wär ich wohl stärker
ohne Knospenbäume?
Wär ich wohl heller
ohne Himmelsblau?

Könnt ich wohl tapfer sein,
wenn keine Blumen blühen
und wenn die Sonne
hinter den Wolken schweigt?

Ich höre überall
den neuen Anfang.
Die Erde ist so jung.
Warum ist denn meine Trauer
so schwer, so schwer?

frei nach Sascha Wagner

Annette Hoeger

 

 

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