3. Jahreszeitenbrief

  Jahreszeitenbrief 3 – 2012 

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in Ihrer belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

3-jzbrief

Dieser dritte Brief umschließt den Herbst und Winter – eine Zeit, in der sich in unseren Regionen die Natur, vor dem letzten Aufleuchten der Blätter, zurückzieht um für den kommenden Jahreszyklus Kraft zu schöpfen. Feier- und Gedenktage markieren die Monate November und Dezember, die trauernden Familien Gelegenheit der Begegnung ermöglichen können. Doch wie häufig höre ich, wie schwer es vielen Eltern fällt an Allerheiligen zum Friedhof zu gehen, sich den „mit – leidigen“ Blicken auszusetzen, vielleicht mit der Gestaltung des Grabes noch nicht so weit zu sein, mit der anders sichtbaren Trauer der Friedhofsbesucher, und doch mit der eigenen inneren Verzweiflung allein zu bleiben ……

Eltern, die ein Kind betrauern, gehen ohnehin zum Friedhof – manche mehrmals täglich. Viele sehen keinen Sinn in der Begutachtung der Gräber, in dem Segen, der mancherorts durch einen Lautsprecher über den Friedhof ertönt. Sie fühlen sich beschämt, wenn niemand es wagt auf sie zuzukommen. Und manchmal kommen zusätzliche Verletzungen hinzu, durch unachtsame, kritische Bemerkungen, wenn sich zum Beispiel die „kindgerechte“ Gestaltung des Grabes von den anderen Gräbern so sehr unterscheidet. Eltern achten auch darauf, in welcher „Gesellschaft“ liegt denn mein Kind? Und sind erleichtert, wenn sie sehen, dass noch andere jung Verstorbene in Sichtweite zu finden sind.

Einerseits braucht es diese gemeinsamen Rituale – andererseits sind sie fast nicht auszuhalten, wenn es so weit ist. Geschwister, die Klassenkameraden, die Freunde und Freundinnen Ihrer Kinder trauern und sind manchmal ebenso ratlos wie wir Erwachsen, wie sie mit ihrer Trauer umgehen können. Da findet sich manchmal ein Brieflein oder ein anderer Gruß am Grab, der zeigt, wie sehr Ihre Kinder auch den anderen fehlen. Das Verhalten der Geschwister ist für viele Eltern oft nicht nachvollziehbar, sie weigern sich zum Grab zu gehen und haben dabei ihre eigenen, kleinen versteckten Rituale und Grabbesuche, ohne die Eltern daran teilhaben zu lassen. Nichts ist mehr wie vorher – nichts ist mehr vertraut und gewohnt.

Neue Formen des Familienlebens wollen und müssen eingeübt werden. Für diejenigen, die an Weihnachten zu Hause bleiben und auch einen Weihnachtsbaum haben, möchte ich an dieser Stelle von einem ungewöhnlichen, doch auch sehr feierlichen Ritual erzählen: in der Familie Bonhoeffer war es an Weihnachten üblich, einen Zweig aus dem geschmückten Baum zu schneiden und diesen mit allen anderen Familienmitgliedern an das Grab des verstorbenen Sohnes zu bringen. Der schöne Baum sollte absichtlich in seiner Form für alle verändert bleiben, weil alles bisher Gekannte verändert war. Eine Erweiterung dieses Rituals erzählte mir eine Mutter. Alle Familienmitglieder schreiben kleine Zettel mit Worten der Liebe und Erinnerungen an das verstorbene Kind – und binden diese vor dem Gang zum Friedhof an den Zweig.

Mit ein paar Zeilen über das Wünschen, möchte ich mich bis zum nächsten Jahreszeitenbrief bei Ihnen allen verabschieden. Schauen Sie vielleicht hin und wieder auf die Homepage unter www.eltern-freiburg.de. Dort finden Sie unter „Terminen“ Veranstaltungen für verwaiste Eltern. Diejenigen, die keine Einladungen bekommen haben, sind hierzu ebenfalls eingeladen.

Über das Wünschen

Wünsche und Hoffnungen geben uns Kraft,
weiterzugehen auf unserem Weg.
Sie wärmen uns,
wie eine Sonne und beflügeln unser Herz.
Nicht die Erfüllung ist unser größtes GLück,
sondern das Wünschen selber,
nicht das Ankommen,
sondern das Gehen.

  

Aus dem Elternhaus in Freiburg sende ich Ihnen meine ganze Anteilnahme für die kommende, dunkle Jahreszeit

Annette Hoeger

Kommentare sind geschlossen.