20. Jahreszeitenbrief

J a h r e s z e i t e n b r i e f  – II – 2 0 1 8

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in Ihrer belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

Mitten in den Sommerferien und inmitten eines „Jahrhundertsommers“ möchte ich Ihnen von einer Kiste erzählen, die hier in meinem Büro steht. Es ist unsere Herzkiste. Ihr Inhalt sind unzählige kleine „Handschmeichler“ in Herzform. Jedes ein Unikat, so einzigartig und unverwechselbar wie Ihre verstorbenen Kinder und Eure Geschwister. Diese Herzen wurden von einer ebenfalls verwaisten Mutter für andere genäht. Das Nähen der Herzen ist ihre eigene Art der Trauerbewältigung um ihre damals 17jährige Tochter. Ich bin sehr dankbar dafür. Manchmal stelle ich mir vor, wie viele dieser Herzen schon um die ganze Welt gegangen sind und in den Hosen- oder Handtaschen verwaister Eltern, wie auch der Geschwister daran „er-innern“ können, dass das eigene verletzte und trauernde Herz noch lange nicht da ist, wo die anderen meinen, das es sein müsste.

Möglicherweise habe ich das jetzt ein bisschen kompliziert ausgedrückt. Ich möchte sagen, dass der Erwartungsdruck von Angehörigen, Kollegen, Freunden, Nachbarn usw. oft sehr früh von verwaisten Eltern wahrgenommen wird. In Form von: „geht es immer noch nicht besser?“ oder „so langsam müsstest du doch darüber hinweg sein“ oder so ähnlich.

Hier kann sozusagen dieser kleine, selbstgenähte Herzschmeichler an die eigene innere Wahrheit erinnern, ohne sich mit Nichtbetroffenen auseinandersetzen zu müssen. Wer in der Trauer nicht abstumpfen möchte, braucht manchmal die Erlaubnis und den Mut „zu fühlen“ und auch das eigene verletzte Herz zärtlich zu umfassen. Denn die Trauer ist das einzige, was die Gefühle des Verlustes heilen kann.

Anlässlich ihrer eigenen Erschütterung und Trauer veröffentlichten einmal betroffene Eltern folgenden Text, mit dem ich diesen Jahreszeitenbrief wieder schließen möchte. Aber nicht, ohne Ihnen vorher

Ganz herzliche Grüße aus dem Elternhaus in Freiburg zu senden

Annette Hoeger

 

Es ist Erlösung, sagt der Verstand.

Es ist zu früh, sagt das Herz.

Du fehlst, sagt die Liebe.

Es ist Gottes Wille, sagt der Glaube.

Doch wer sagt, so ist das Leben,

der weiß nicht wie weh es tut.

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