1. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief I – 2012

Liebe Eltern, viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in Ihrer belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, vier Mal im Jahr von uns zu lesen.

Sie alle, die ein Kind verloren haben, standen spätestens ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung vor der Herausforderung, persönliche Grenzen zu überschreiten und völliges Neuland zu betreten. Auch wenn schon zuvor so vieles bewältigt wurde, so passt das „damals Gelernte“ jetzt nicht auf die neue so schmerzlich veränderte Lebenssituation. Es können sich Gefühle wie Panik, Angst und Hilflosigkeit einstellen, wie z.B.: „schaffe ich das noch einmal“?

Diese schwerste Aufgabe der Bewältigung kann trauernde Familien aber auch die Erfahrung machen lassen: „Wir sind die Menschen, die das alles erlebt haben und die diesem schweren Weg nicht ausgewichen sind. Wir haben auch Schönes, Inniges, Unwiederbringliches und Ungewöhnliches an menschlicher Nähe, Engagement und Anteilnahme erfahren“.

Viele Menschen durchleben die Zeit der Trauer ohne fremde Hilfe, unterstützt durch die Familie und den Freundeskreis. Manchmal kann es jedoch NOT-Wendig sein, sich psychosoziale oder seelsorgerliche Begleitung zu suchen oder sich einer Elterngesprächsgruppe anzuschließen. Jede Familie findet in ihrem eigenen Tempo in ihrer eigenen Form den Ausdruck ihrer Trauer.

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Wenn die Winterstürme schweigen
Und sich die ersten Knospen zeigen
Weil alles Leben neu beginnt
Fehlst Du mir so sehr mein Kind ….

Die abgebildete Steinspirale – geschmückt mit Fundstücken aus der Natur – bauten Eltern mit den beiden Geschwistern für die verstorbene kleine Schwester. Sie erzählten mir, wie gut es tat, in der als stumm erlebten Hilflosigkeit, aktiv zu werden, auszuströmen und eine gemeinsame Arbeit im Gedenken für die verstorbene Schwester zu tun. Alle vier stellten sich zum Schluss – an den Händen fassend – um die Steinspirale, gedachten der Schwester und sprachen für sie gute Wünsche aus.

Eine andere betroffene Mutter schreibt: „Wir mussten und müssen immer wieder lernen, Ostern und die anderen Festtage neu zu erleben und uns jeweils auf die nächste Jahreszeit vorzubereiten. Wir müssen schmerzlich lernen, seine Geburtstage ohne unseren Sohn (unsere Tochter) zu begehen. Wir haben in unserer Familie ein schönes Ritual entwickelt, in dem wir die Freunde unseres Sohnes und unsere Freunde einladen. Für unseren Sohn lesen, gemeinsam seiner gedenken, gemeinsam weinen und gemeinsam lachen.

Liebe Eltern,
viele Menschen sind überzeugt davon
dass Stark- und Tapfer-Sein bedeutet
an etwas anderes zu denken.
Nicht über Trauer zu sprechen.
Aber wir wissen
dass wirklich Stark- und Tapfer sein bedeutet
an das Geschehene zu denken
über das Gewesene zu sprechen
bis unsere Trauer beginnt
Erträglich zu werden
(nach Sascha Wagner)

Aus dem Elternhaus in Freiburg sende ich Ihnen für die aufbrechende Jahreszeit meine besten Wünsche für Geduld und Kraft.

Annette Hoeger

 

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