Weihnachten

Im April ist Sina’s 4. Himmelsgeburtstag, d.h. ich habe das 4. Weihnachtsfest ohne und mit Sina überlebt. Noch immer scheint  es oft unfassbar. Wie konnte ich diese Zeit überleben? Wie konnte ich die Jahresereignisse  leb bar gestalten? Diese Tage sind ganz besonders schwer. Die Sehnsucht – der Schmerz reißen mich mal wieder in einen Abgrund und ich falle. Ich ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück. Ich fühle mich unendlich traurig, einsam, kraftlos, Ja, ich möchte mich mal wieder auflösen, die Tränen kullern. Es wird mit den Jahren nicht „leichter“, sondern anders. Die Trauer und die Sehnsucht bleiben. Meine Gefühle fahren mal wieder Achterbahn und mir ist ganz schwindelig. Ich schreie innerlich, nach außen wirke ich wahrscheinlich gefasst. Nicht jeder soll meinen Schmerz sehen, denn es gibt nur wenige Menschen, die das auch nach dieser Zeit noch verstehen. Inzwischen weiß ich jedoch, dass ich wieder aufstehen kann. Ich habe in den vergangenen Jahren vieles ausprobiert, um diese ganz besonders schweren Tage zu überleben. Ich musste mich von alten, herkömmlichen Abläufen, die mir den Boden unter den Füßen wegzogen, trennen.

Die ersten beiden Weihnachten gingen wir, wie immer in die Kirche. Doch ich fühlte mich nach dem Besuch der Messe ganz fürchterlich. Ich sah „vollständige“ und glückliche Familien, erwartungsvolle Gesichter und eine festliche Anspannung. Dies war zu viel für mich. Ich konnte diesen Anblick nur schwer ertragen. Nein, eigentlich konnte ich es gar nicht sehen. Ich musste etwas ändern! Doch was? Tja und eigentlich wollte ich auch das Herkömmliche nicht unbedingt aufgeben, aber auch das Neue nicht zulassen. Ich schien in einer Zwickmühle gefangen zu sein. Doch irgendwann war dann doch der Zeitpunkt gekommen, in dem ich den Mut fand das Neue zuzulassen.  In unserer Nähe gibt es eine kleine Wallfahrtskapelle. Diese Kirche schien mir passender, da dort am Heiligabend keine Messe stattfindet. Somit wurde dieser Ort  in den vergangenen beiden Jahren zu unserer Zufluchtsstätte an Weihnachten.  Hier konnte ich meinen Gedanken nachhängen, Sina nahe sein, ohne die erwartungsfrohen Gesichter der anderen sehen zu müssen.  Eine „wohltuende“ Ruhe und Stille. Ich kann dort etwas Kraft sammeln, um die Bescherung auszuhalten, denn sie ist noch immer anstrengend für mich. Ich kann mich nicht wirklich freuen. Doch ich habe gelernt, dass das so o.k. ist, denn Sina fehlt. Ich gebe mir  Mühe für David. Die Tränen kullern aber trotzdem und ich bin froh, wenn der Heiligabend vorbei ist.

Inzwischen habe ich verschiedene Rituale bzw. Abläufe um diesen Tag einigermaßen leb bar zu machen. Der Besuch dieser Kapelle ist jetzt ein fester Bestandteil. Wir schneiden auch einen sichtbaren Ast von unserem Christbaum ab, um ihn zu dekorieren und Sina aufs Grab zu legen. Sina bekommt auch ihre Geschenke, die wir ebenfalls zum Friedhof bringen. Zur Adventszeit wird das Grab festlich geschmückt. Dieses Jahr habe ich u.a. kleine Stoffherzen genäht, die ich an Sina’s Rosenbäumchen befestigte. Weiterhin bekommt Sina jedes Jahr ihren eigenen mit einer Lichterkette versehenen Christbaum.   Ich versuche mich noch immer an die veränderte Lebenssituation zu gewöhnen und Sina mit einzubeziehen.

An den Jahresereignissen erscheint es mir oft so, als ob ich wieder am Anfang stehe. Ich versuche meine Emotionen und Launen gelassener zu sehen. Ich darf unendlich traurig sein. Sina fehlt mir so sehr und alles schmerzt.

Ines

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