Sich selbst in der Trauer besser verstehen lernen

thoughtsflow_800_bVersuchen Sie nicht, Ihrer Trauer mit dem so genannten gesunden Menschenverstand beizukommen

Sie werden weiße Flecken in ihrer Seele entdecken, Wahrnehmungen, die Ihnen bisher unbekannt waren: Es könnte sein, dass Sie in den ersten Wochen nach dem Tod Ihres Kindes sprachlos sind. Dass es Ihnen schwer fällt zu sprechen und sich zu bewegen. Vielleicht fühlen Sie sich wie ein Eisklotz, starr vor Leid. Oder als Marionette, die immer in Bewegung bleiben muss, nie zur Ruhe kommen kann. Der Schmerz schnürt Ihnen förmlich die Luft zum Leben ab. Weinkrämpfe und Lachanfälle, Wutausbrüche und ein Drang zum hemmungslosen Schreien sollten Sie nicht erschrecken. Das sind notwendige Ventile, mit denen Ihre Seele sich wider Luft machen will.

Eine Mutter schreibt:
In der ersten Zeit konnte ich nicht schlafen, lag nur still weinend im Bett oder lief durch unsere Wohnung. Überall sah ich Sina. Ich fühlte mich wie gerädert, kraftlos und furchtbar alt. Ich war erstarrt. Mechanisch machte ich meine Arbeit, aber ich war nicht anwesend. Selbst z.B. der Anblick des Briefträgers bereitete mir große Mühe. Für alle anderen ging das Leben draußen ganz normal weiter. Ich wollte schreien, hilflos saß ich im Haus und fühlte mich wahnsinnig einsam. Mein Herz oder die Seele sind mit einer Eisenkette umschlungen, es schmerzt unendlich. Meine Gedanken- und Gefühlswelt waren das reinste Chaos und sind es auch heute noch ab und zu. Das erste Weihnachten oder Silvester waren die absolute Hölle. Ich weinte nur und dachte an Sina. Auch der 1. Himmelsgeburtstag (Todestag) war fürchterlich. Schon Wochen zuvor kamen alle Erinnerungen, jede einzelne Sekunde sah ich vor mir. Ich stürzte mal wieder in ein unendlich tiefes Loch.
Am Anfang ging ich mehrmals täglich an Sina’s Grab, es war gut so, ich brauchte diese Nähe zu ihr. Heute gehe ich meistens nur 1x, aber an manchen Tagen kann es auch vorkommen, dass ich 2x ans Grab gehe.
In der Trauer gibt es eine unendliche Palette von Gefühlen und manche erschrecken mich sogar. Doch inzwischen weiß ich, dass dies alles zu mir gehört, es ist o.k. Ich habe, so glaube ich wenigstens etwas dazugelernt. Ich lebe mit meiner Trauer, sie ist ein Teil von mir. Ich lasse, soweit es möglich ist z.B. meinen Tränen freien Lauf, ich sage meinem Sohn, wenn es mir besonders schlecht geht, denn er merkt es meistens sowieso.
Die Trauer eine Reise in ein fremdes Land. Die Dauer und der Aufenthalt sind ungewiss, aber ich muss diese Reise antreten.
Ines Friedmann

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