10. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief  I – 2015

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind und Ihr liebe Geschwister, mit Eurem Bruder oder Eurer Schwester hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie und Euch in der belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.
Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.
Diesem Brief möchte ich die Naturbilder einer wunderbaren Künstlerin aus Südtirol voranstellen. Sie gab mir die Erlaubnis dazu. Wer sich dadurch angesprochen fühlt, kann sie in ihrem Blog besuchen unter https://sybilletezzelekramerartblog.wordpress.com/

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Warum diese Bilder? Warum Natureindrücke in einem Jahreszeitenbrief an verwaiste Familien? Wo kann es da eine Verbindung zu der schrecklichen Einsamkeit elterlicher und geschwisterlicher Trauer geben?
Familien können bestimmte Naturphänomene als Hinweise auf die „ganz andere Welt“, in der das verstorbene Kind weilt erleben. Die Natur ist zugleich Brücke, die die eigene traurige Welt des Verlustes mit der anderen Welt des Verstorbenen verbindet. In der ersten Zeit der Trauer ist es den meisten kaum – bis gar nicht möglich – sich zu öffnen, zu sehr ist jeder damit beschäftigt den Schock, das „nicht fassen können“ irgendwie zu bewältigen, zu verstehen. Dabei agieren viele wie eine Marionette, „funktionieren“ auf eine sich selbst befremdlichen Art. Manche sagen: „ich spüre mich nicht mehr, mein Herz weigert sich anzunehmen, was mein Kopf ihm sagt“.
Für diese Zeit, gibt Roland Kachler in seinem bekannten Ratgeber: meine Trauer wird dich finden eine mögliche Einladung: „wenn Sie am Grab Ihres geliebten Menschen stehen, dann nehmen Sie einmal ganz bewusst die umgebende Natur wahr, die Bäume, den Himmel am Morgen oder Abend, den Glanz der Sonne, den Hauch des Windes die Wärme oder die Kälte. Verbinden Sie sich innerlich mit diesen Naturphänomenen. Lassen Sie alle Empfindungen, Einfälle und aufsteigenden Bilder zu. Sie gehören auch hier am Grab zum großen Raum der Natur, der Sie umgibt“.
Im zweiten Schritt sagt er: suchen Sie bewusst die Natur auf. Schauen Sie, in welchen Landschaften und bei welchen Naturphänomenen Sie mit Ihrem Kind früher zusammen waren. Waren es gemeinsame Bergwanderungen, gemeinsames Schwimmen im See oder Meer? Waren es gemeinsame Erfahrungen beim Sonnenauf- bzw. -untergang? Das Spiel im Garten? Die Landschaft wird so zur Erinnerungsbrücke zu gemeinsamen Erfahrungen, sie wird zum Symbol der Verbundenheit mit Ihrem geliebten Menschen.
Der Trost für Trauernde wächst langsam, sehr langsam aus der eigenen Seele. Und manches muss wieder regelrecht eingeübt werden, was zuvor so selbstverständlich war. Erinnerungen an das gemeinsame Leben können irgendwann trösten – die Hoffnung auf ein zukünftiges Wiedersehen ebenso. Aber eben nicht jetzt, sondern irgendwann.
Uns allen wünsche ich nun den baldigen Einzug des Frühlings – ich selbst wohne am Kaiserstuhl und habe dort beim letzten Spaziergang schon die ersten Osterglocken entdeckt.
Ihnen allen sende ich nun meine besten Wünsche für Geduld und Kraft für sich und Ihre Angehörigen

Annette Hoeger
Aus dem Elternhaus in Freiburg

Die vorhergegangenen Jahreszeitenbriefe finden Sie unter www.eltern-freiburg.de

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