9. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief III – 2014

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in Ihrer belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen. Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

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Mit Riesenschritten kündigt sich der Advent, Weihnachten und das Ende des Jahres an. Je älter ich werde, umso schneller vergeht die Zeit. Ein Phänomen, wie ich finde, denn als 12 jährige erschien mir ein Jahr endlos…. Und auch in meinen 30ger Jahren, hatte ich subjektiv das Gefühl, endlos Zeit zu haben. Wie anders sich die Kostbarkeit des Lebens zeigt, bemerken wir oft erst, wenn wir selbst oder jemand, den wir sehr lieben, krank – unheilbar krank geworden ist. Dann bestimmen andere unsere Lebens- und Familienrhythmen, unsere Geschwindigkeit, mit der wir von Termin zu Termin und durch die Tage und Nächte eilen, um zu versuchen „alles unter einen Hut zu kriegen“ und „die Hoffnung nicht aufzugeben“. Familien, die um ein Kind trauern, wissen davon ein Lied zu singen, denn eine Zeit des Dauerausnahmezustandes für alle, liegt hinter ihnen und spätestens nach Allerheiligen, wenn sich die Natur unübersehbar zurückgezogen hat – innerlich geworden ist, möchten auch wir „innerlich“ werden. Dieses Innerlichwerden gehört in die Trauer. Trauer ist ein Leben nach „innen“, was nicht immer einfach ist, da Angehörige und Freunde oft Druck machen, doch so schnell wie möglich wieder in den Normalzustand und vielleicht auch in die gewohnte Geschwindigkeit zurückzukehren. Ein ganz schlimmes Wort, wie ich finde, ist „von der Trauer zu neuem Leben“ – so, als gehöre die Trauer nicht auch ins Leben. Trauern ist Leben –nur eben ein Leben nach innen, ein Leben in der Tiefe und ein Leben, das wir uns selbst mit so viel Schmerz und Sehnsucht niemals so aussuchen würden. Auch ist in unserer Gesellschaft nicht so recht Platz für ein „Innen“ …. für die „Trauer“. Und dennoch: Trauer hat verwandelnde Kraft – wir können sie nicht auslassen, wir können sie verdrängen, vielleicht auch an die nächste Generation weitergeben, aber auslassen, können wir sie nicht.

Vielleicht braucht es so etwas wie eine „Absicht“. Damit meine ich, das Bewusstsein darüber, dass es mir zusteht zu trauern, innerlich zu sein, mit mir und meinem verstorbenen Kind zu sein – um dann irgendwann – eines nahen oder fernen Tages wieder freier zu werden für anderes und andere. Ich habe bewusst dieses Bild mit den schimmernden Sternen auf dem Wasser gewählt. Es wurde von einer Mutter fotografiert, die ihren Sohn durch einen Badeunfall verloren hat. Für mich zeigt es etwas von der Tiefe und Sehnsucht und der unwiederbringlichen Einzigartigkeit eines jedweden Augenblicks.

Wenn etwas uns
Fortgenommen wird
Womit wir tief
Und wunderbar
Zusammenhängen
So ist viel
Von uns selber
Mit fortgenommen.
Gott aber will
Dass wir uns wiederfinden
Reicher um das Verlorene
Und vermehrt um
Jenen unendlichen Schmerz

R.M.Rilke

Aus dem Elternhaus in Freiburg, sende ich Ihnen und Ihren Familien meine besten
Wünsche für Geduld und Kraft
Annette Hoeger

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