Ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr

Lieber Simeon,
heute ist genau ein halbes Jahr vergangen seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben.
Und ich frage mich, ob ich nicht noch immer darauf warte, dass Du eines Tages zur Tür herein kommst.
Ich habe mich heute in Deinem Zimmer auf den Boden gesetzt. Direkt vor Dein Bett. In der Gartenlaterne auf dem Boden brannte die Kerze. Am Morgen hatte ich einen Strauß mit gelb-orange geflammten Rosen dazu gestellt.

Ich begann, Deine Kinderzeichnungen anzusehen. In Deinem Zimmer steht seit Jahren der große Korb, in dem wir Deine Zeichnungen sammelten und bis heute aufbewahren. Irgendwann begannst Du selbst zu entscheiden, was mit den Zeichnungen wird, von dem Moment landeten kaum noch welche im Korb. Du begannst am PC zu zeichnen. Von diesen wunderbaren Bildern ist kaum etwas erhalten. Sie waren auf Deinen Rechnern,  die Dateien sind zum größten Teil verloren gegangen, als die Rechner kaputtgingen. Ich hoffe, eines Tages noch Bilder zu finden, wenn ich mich an Deinen PC und an Deinen Laptop wage. Noch kann ich es nicht, es käme mir wie ein Herumschnüffeln in Deinen privatesten Dingen vor.

Wenige Deiner Computerzeichnungen sind heute auf meinem Rechner.
Der Korb stand Jahre lang in Deinem Zimmer, unbeachtet, staubte langsam ein. Dann und wann landete etwas darin, was eigentlich nicht hineingehörte. Ich finde diese Dinge jetzt: Eine Zeitung, ein Zeugnis Deines Bruders,  ein paar Passfotos von Dir.

Im Korb mit den Zeichnungen fand ich auch ein von Dir selbst gebasteltes Heft.  Es hat ein A6 Format, besteht aus mehreren, schon vergilbten Blättern, die Du mit Klebestreifen an der Außenkante säuberlich verklebt hast. Vorne hast Du mit Bleistift einen kleinen Kasten darauf gemalt mit Linien für den Namen. So wie bei einem „echten“ Schulheft. Innen hast Du Seite für Seite in unendlicher Geduld mit blauem Filzstift Karos gezogen. Ohne Lineal, ohne Hilfsmittel, mit Deiner kleinen ruhigen Hand, mit Deiner ganzen Aufmerksamkeit und Liebe hast Du Querlinien und Längslinien zu Rechenquadraten zusammengefügt. Als das Heftchen fertig war, hast Du es zugeklappt und vorn drauf geschrieben: RESCHENHEFT. Wie alt warst Du? Fünf?

aus: www.simeon-stojanov.de/gedanken

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