19. Jahreszeitenbrief

J a h r e s z e i t e n b r i e f – I – 2 0 1 8

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind und Ihr liebe Geschwister, mit Eurem Bruder oder Eurer Schwester hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie und Euch in der belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.
Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.

Bei der Auswahl des Fotos für diesen ersten Jahreszeitenbrief, erinnerte ich mich an eine Familie, die ihre verstorbene Tochter im Friedwald beerdigt hat. DieserPlatz ist für die Eltern ein Ort des stillen Gespräches, der heimlichen Zeichen, der innigsten Verbindung geworden. Bei jedem Besuch werden Steine, Findlinge mitgebracht und auch der Hund hat es sich angewöhnt, große Äste auf dem Weg zur Grabstelle durch den Wald zu schleifen, um sie bei dem geliebten Kind abzulegen.

Die Trauer kennt keine Zeit, deshalb lässt sie sich auch nicht in Jahren bemessen.
Diesen Satz von Rebeca Goldstein möchte all jenen sagen, die ihren Kindern auf Friedhöfen, in Ruhewäldern einen Platz suchen mussten, all jenen, die hier waren und die Brutalität der onkologischen Wirklichkeit kennenlernen mussten. Diese Brutalität ist die eine Seite, die andere: einige schaffen es wirklich – sie schaffen es ihre Krankheit zu überwinden und wieder gesund zu werden. Doch verwaiste Eltern fragen sich immer und quälend häufig, ob sie etwas übersehen haben, ob sie nicht noch dieser oder jener Methode hätten zustimmen sollen.
So finden wir in einer komplexen Welt viel Heilsames in der Einfachheit. Das ist ein provokativer Gedanke angesichts der Komplexität der Onkologie. Doch für das Weiterleben nach dem Tod eines Kindes, hilft er.
Er hilft sich darauf zu besinnen, dass nicht alles machbar ist, dass wir nicht allmächtig sind und dass wir den Wettlauf mit der Zeit nicht gewinnen können. Er hilft, sich die Trauer zuzugestehen, schwer zu werden, sie wie ein unentdecktes Land zu durchwandern und! ………. Sich irgendwann wiederzufinden, anders als je zuvor.

Als wir in der vergangenen Woche zum ersten Mal wieder in den Elterngruppen in Bühl und Freiburg zusammenkamen, spürte ich sie wieder: die Medizin der Einfachheit. Neue Eltern waren gekommen, die gerade erst vor wenigen Monaten ihr Kind beerdigen mussten und Eltern, die schon seit Jahren in die Gruppe kommen. Kleine Zeichen der Anteilnahme und das jeweils gemeinsame Sehen und Hören und Fühlen machten es möglich voneinander zu lernen und miteinander zu sein.

In diesem ersten Brief von 2018 geht es um Zeit, um die Zeit der Trauer, die zeitlose Zeit und es geht um Einfachheit in einer immer komplexer werdenden Welt und so möchte ich mit einem Gedanken von Ludwig Marcuse schließen:

Die Zeit heilt nicht alles. Aber sie rückt vielleicht das Unheilbare aus dem Mittelpunkt.

 

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