16. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief – I – 2017

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

Viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie mit Ihrem erkrankten Kind und Ihr liebe Geschwister, mit Eurem Bruder oder Eurer Schwester hier in der Kinderklinik und dem Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie und Euch in der belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – so gut es ging. Unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Gruppen und Gesprächsangeboten in Bühl, Schopfheim und Freiburg teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu lesen.
Noch ist das Jahr ganz jung und die Lichtzeiten werden fühlbar länger. Wer auf dem Land lebt, hört vielleicht auch schon die Meisen in einer besonderen Weise zwitschern. In unserem Elternhaus in Freiburg gibt es heute Morgen das beliebte Frühstücksbüffet, und es vermittelt sich der Eindruck, dass die lecker angerichteten Speisen als eine willkommene Abwechslung zum angstvoll-hoffenden „Alltag“ und „Allnacht“ auf den Stationen der Kinderklinik geschätzt wird: kleine Grüppchen, manche auch allein oder zu zweit sitzen da und sind einfach nur „ins Essen“ vertieft – hin und wieder Gespräche, Gemurmel, die sich alle um „DAS EINE“ drehen: wie geht es bei Euch? wie hoch sind die Leukos? Wann dürfen wir heim?

Was es bedeutet mit einer „infausten“ Diagnose aus dem – ohnehin schon herausfordernden – Familienalltag katapultiert zu werden, erfahren gerade diejenigen, die hier sein müssen und Sie, die hier gewesen sind. Drei Mal im Jahr gehen meine Gedanken in Form dieser Jahreszeiten-briefe an alljene, die ich durch die Gruppen, Gesprächsangebote und das Cafe Weiterleben nicht erreiche. Hin und wieder sehe ich, wie Familien mit Sack und Pack das Haus verlassen, weil es auf Station nichts mehr zu tun gibt, weil ihr Sohn, der Bruder oder die Schwester verstorben ist. Wie geht das Leben danach zu Hause weiter? Die meisten Mütter entwickeln Schlafstörungen – zu sehr war die vergangene Zeit durch fremde Klinik- Rhythmen getaktet, zu groß war die Spannung zwischen Angst und Hoffnung.

Manche erleben ca. sechs Monate nach dem Tod des Kindes oder jungen Erwachsenen eine unerklärliche Erschöpfung, nicht zu lokalisierende Schmerzen – kurzum: alles tut weh und Alle sind untröstlich und versuchen gleichzeitig wieder in eine Welt zurückzukehren, die auf Trauer wenig Rücksicht nimmt und von den inneren wie äußeren Vorgängen der Trauer wenig weiß.

In unserem Haus haben wir eine Kiste mit kleinen, weichen, handgefertigten Schmeichelherzen, die gerade groß genug sind, um in einer Hosentasche zu verschwinden. Sie sind für Kinderhände gemacht, doch manchmal wünschte ich mir, wir Erwachsenen würden uns auch so etwas erlauben: Diese Schmeichelherzen geben Geschwisterkindern die Erlaubnis ihr Herz zärtlich zu umfassen und zu trauern. Sich daran zu erinnern, dass sie geliebt wurden und dass sie selbst lieben können. Die Kinder tragen es so lange bei sich, wie sie es brauchen und sie finden Trost darin, seine Sanftheit zu spüren, wenn der Gedanke an ihren Verlust sie zu überwältigen droht.
Keines dieser Herzen gleicht genau einem anderen, und jedes hat sein eigenes Wesen. Es gibt zahllose Geschichten über die Leben dieser Herzen. Es geschieht oft genug, dass Kinder, die ihre Trauerzeit hinter sich haben, ihr Herz anderen Kindern schenken, die schwere Zeiten durchmachen. Ein kleines Mädchen gab ihr Herz ihrem Vater, als ihre Eltern sich scheiden ließen. Ein kleiner Junge schickte sein Herz seiner Lehrerin, als deren kleiner Sohn gestorben war. Wenn wir die Freiheit haben zu trauern, dann verwandelt sich Kummer oft auf natürliche Weise in Mitgefühl. Und seit es Menschen gibt, wird Liebe, Trauer und Mitgefühl im Herzen
lokalisiert.

Schließen möchte ich diesen ersten Brief 2017 mit Zeilen von Liesbeth Holst-van den Hooren. Sie schreibt

Ewig verbunden
Bevor du starbst
Wohntest du doch in meinem Herzen.
Nach dem Tod darfst du dort weiter wohnen.
Ich will auch deine Mutter / dein Vater bleiben.
Ich bleibe Dir treu.
Aus meinem Herzen und meinen Träumen
Schöpfe ich Kraft.

 

 

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