15. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief – III – 2016

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister,

viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie und Ihr Kind hier in der Kinderklinik und im Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in dieser belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Elterngruppen und Gesprächsangeboten in Freiburg, Bühl oder Schopfheim teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu hören mittels der Jahreszeitenbriefe.

Ich möchte Ihnen heute ein Buch vorstellen, das erst vor ein paar Wochen erschienen ist: Briefe, die zum Himmel fliegen von Marielle Seitz. Es ist ein Familienbuch und kann Familien Impulse geben, die eigene Trauer, aber auch die Trauer der Geschwisterkinder besser zu verstehen.

Was sind das für Briefe, die zum Himmel fliegen? Können wir auch als Erwachsene solche Briefe in den Himmel schicken? Bei dieser Frage muss ich an eine Familie denken, die hier vor einigen Jahren ihre einzige Tochter im Alter von 18 Jahren verloren haben. Nach einem schmerzvollen Abschied- und langen Trauerweg mit vielen persönlichen Veränderungen und allen „Auf“ und „Ab`s“, erzählten sie mir eines Tages, dass sie ihrer Tochter einen Brief an die „Himmelspforte“ adressiert und frankiert geschickt haben. In diesem Brief schrieben sie von Ihrer Sehnsucht und ihrer Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Rational gesehen, ist das natürlich ver- rückt; kreativ betrachtet, war es für diese beiden verlassenen Eltern eine Möglichkeit, ihrem Schmerz und ihrem Glauben Ausdruck zu geben. Wir mussten in dem Gespräch gemeinsam lachen, weil uns Erwachsenen natürlich klar ist, das der Postbote den Brief nicht an der Himmelspforte abgeben werden kann.

In dem oben erwähnten Buch hat Frau Seitz mit über 3000 Kindern und jungen Menschen aus allen Kulturen und Glaubensrichtungen Liebensbriefe geschrieben und sie auf Friedhöfen, Kindergärten, in Museen und Ausstellungen und in Kirchen öffentlich zugänglich gemacht. Bei der Durcharbeitung der vielen, vielen Briefdokumente, fiel der Autorin auf, dass alle Kinder fast immer von den drei menschlichen Grundtugenden Glaube, Liebe und Hoffnung schrieben und übereinstimmend alle Kinder ein großes Bedürfnis nach den Sinnfragen des Lebens zeigten. Und ebenso wie die Kinder haben auch wir als Erwachsene ein natürliches Bedürfnis uns in Bildern, Symbolen oder Sprache auszudrücken.

Wenn es jetzt auf die Fest- und Feiertage zugeht, bedeutet es für Familien, in denen ein Kind (egal in welchem Alter) gestorben ist, in besonderer Weise „kreativ“ zu werden. Die meisten machen das ganz aus sich selbst heraus: sie schreiben kleine Briefchen und hängen sie an den Christbaum, andere bringen ein eigenes kleines Bäumchen zum Grab des Verstorbenen und wiederum andere ergreifen die Flucht und machen eine Reise. Welchen Weg auch immer, Sie für sich und Ihre Angehörigen finden, es wird Ihr eigener sein….. und dafür wünsche ich Ihnen viel Geduld und Kraft.

Wer neugierig geworden ist auf das Buch, kann sich im Internet unter www.liebensbriefe.de selbst ein Bild von dem machen, worüber wir Erwachsenen so schwer mit unseren Kindern sprechen können.

Aus dem Elternhaus in Freiburg kommen wieder
Meine besten Wünsche

Annette Hoeger

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