11. Jahreszeitenbrief

Jahreszeitenbrief II – 2015

Liebe verwaiste Eltern und liebe verwaiste Geschwister

Viele Wochen und Monate, z.T. Jahre, manchmal auch nur wenige Tage sind Sie und Ihr Kind hier in der Kinderklinik und im Freiburger Elternhaus gewesen. Wir haben Sie in dieser belastenden Familiensituation mit unseren Angeboten unterstützt und begleitet – unser Anliegen ist, Sie auch in der schweren Zeit von Abschied und Trauer nicht allein zu lassen.

Wenn Sie zu weit weg wohnen, um an den Elterngruppen und Gesprächsangeboten in Freiburg, Bühl oder Schopfheim teilzunehmen, kommt es Ihnen vielleicht entgegen, drei Mal im Jahr von uns zu hören mittels der Jahreszeitenbriefe.

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In diesem Sommerbrief möchte ich Ihnen das Rad der Trauer vorstellen, das – mit ein wenig Fantasie – strahlt wie die sommerliche Sonne – vom aktuell blauen Himmel über Freiburg. Besonders Eltern, die erst kürzlich (mit „kürzlich“ meine ich die eigene, individuelle Zeitrechnung betroffener Familien) ihr Kind verloren haben, kann dieses Modell eine Hilfe und Orientierung sein, sich selbst besser zu verstehen. Vielleicht beginnen Sie oben auf dem Strahl um „kurz nach zwölf“ und folgen im Uhrzeigersinn bis Sie wieder oben auf 12:00 gelandet sind. Spüren Sie nach, an welchen Stellen Sie innehalten, nachsinnen, weinen, „Ja“ sagen, schlucken, lächeln etc.

Die meisten Familien – nach Hause zurückgekehrt – bemühen sich und kämpfen darum so schnell wie möglich einen normalen Alltag wieder herzustellen, was z.T. die Geschwisterkinder auch vehement einfordern. Doch irgendwie, will und kann es nicht gelingen, so zu tun als wäre nichts geschehen. Ich denke, die Hauptaufgabe einer guten Trauerbegleitung liegt vor allem darin, Trauernden zu zeigen, dass ihre Gefühle, so diffus oder ungewohnt sie auch sein mögen, richtig und wichtig sind. Dass sie Sinn machen. Und mit den Betroffenen zu erarbeiten, worin dieser Sinn beseht.

Der Sinn des Trauerns ist vielfältig und hat (s.o.) viele, viele Facetten: Einerseits geht es darum, dass der trauernde Mensch den Lebensabschnitt, den er hinter sich lassen muss, noch einmal emotional durchlebt, so weh das auch tut. Zum anderen geht es darum sich der eigenen Qualitäten zu besinnen, der Träume, die man immer schon hatte, der roten Fäden, die sich verlässlich durch das eigene Leben ziehen. Trauerarbeit ist auch eine Bewusstmachung des „Lebens vorher“.

Dass all diese Prozesse ZEIT brauchen, ist unmissverständlich. Wer möchte, will und kann, hat die Möglichkeit die Gruppen in Bühl, Schopfheim oder Freiburg zu besuchen (bitte vorher Kontakt aufnehmen), und/oder zur Einzelbegleitung zu mir zu kommen.
Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Ricarda Huch, die wahrscheinlich vieles von dem ausspricht, was die meisten Betroffenen empfinden:

Nicht alle Schmerzen sind heilbar,
denn manche schleichen sich
tiefer ins Herz hinein,
und während Tage und Jahre verstreichen,
werden sie Stein.

Du sprichst und lachst,
wie wenn nichts wäre,
sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
bis in den Traum.

Der Frühling (Sommer A.H.) kommt wieder
mit Wärme und Helle,
die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
da blüht nichts mehr.

(Ricarda Huch)

Aus dem Elternhaus in Freiburg kommen wieder
Meine besten Wünsche
Für Geduld und Kraft

Annette Hoeger

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